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dr. med. dent. Florian Stecher
Glossar · Fehlstellungen einfach erklärt

Kreuzbiss, Überbiss & Co.: Was hat mein Kind eigentlich?

Kreuzbiss · Überbiss · Offener Biss · Tiefbiss · Engstand

3D-Darstellung eines Zahns im Querschnitt

Auf dem Zettel vom Zahnarzt steht „Kreuzbiss“ oder „Engstand“, und beim Elternabend erzählt jemand vom „offenen Biss“. Hier erklären wir die fünf häufigsten Fehlstellungen bei Kindern und Jugendlichen so, dass man sie versteht – mit dem, was sie im Alltag bedeuten, welche Spange typischerweise hilft und in welche KIG-Stufe sie meist fallen.

Eines vorweg: Fast jedes Kind hat irgendeine Abweichung. Ob sie behandelt werden muss, entscheidet nicht der Name, sondern das Ausmaß – und das messen wir beim ersten Termin.

Die fünf häufigsten Fehlstellungen

Jede Karte: Was ist das, woran merkt man es, was hilft, wo liegt es in der KIG-Tabelle. Die KIG-Angaben sind typische Einordnungen – die verbindliche Einstufung machen wir nach Messung.

Frühbehandlung typisch

Kreuzbiss

Was ist das? Die oberen Zähne beißen innen an den unteren vorbei – bei einzelnen Zähnen oder einer ganzen Seite. Oft rutscht der Unterkiefer beim Zubeißen zur Seite. Woran merkt man es? Das Kinn wirkt beim Zubeißen leicht schief, oder ein Zahn steht sichtbar „hinter“ seinem Gegenüber. Was hilft? Früh erkannt eine herausnehmbare Spange, die den Oberkiefer weitet – klassischer Fall für die Frühbehandlung. Später feste Spange. KIG: leichter Kreuzbiss KIG 2 (privat), ausgeprägter Kreuzbiss KIG 3 (Kasse).
Häufig

Überbiss

Was ist das? Die oberen Frontzähne stehen deutlich vor den unteren – gemessen in Millimetern Abstand (Fachwort: sagittale Stufe). Woran merkt man es? Die Lippen schließen schwer, die oberen Schneidezähne sind auffällig sichtbar. Bei Stürzen sind diese Zähne stärker gefährdet. Was hilft? Im Wachstum eine herausnehmbare Spange, die den Unterkiefer nach vorn führt; später feste Spange für die Feinstellung. KIG: unter 6 mm KIG 2 (privat), 6–9 mm KIG 3, über 9 mm KIG 4 (Kasse).
Habits prüfen

Offener Biss

Was ist das? Beim Zusammenbeißen bleibt vorn (oder seitlich) ein Spalt – die Zähne treffen sich nicht. Woran merkt man es? Beim Abbeißen mit den Frontzähnen klappt es nicht, manchmal Lispeln. Häufige Ursache: Daumen, Schnuller, Zungenpressen oder Mundatmung. Was hilft? Zuerst die Gewohnheit abstellen, dann eine Spange – bei Kindern oft herausnehmbar, bei Jugendlichen fest. KIG: offener Biss ist typischerweise KIG 4 (Kasse).
Messung entscheidet

Tiefbiss

Was ist das? Die oberen Frontzähne überdecken die unteren zu weit – im Extremfall beißen die unteren Zähne in den Gaumen. Woran merkt man es? Die unteren Schneidezähne verschwinden beim Zubeißen fast komplett hinter den oberen. Manchmal Druckstellen am Gaumen. Was hilft? Aufbissplatte oder herausnehmbare Spange im Wachstum, später feste Spange, die die Seitenzähne aufrichtet. KIG: je nach Ausmaß KIG 2 bis 4 – Messung entscheidet.
Sehr häufig

Engstand

Was ist das? Zu wenig Platz im Kiefer – die Zähne drängeln, stehen verdreht oder übereinander. Woran merkt man es? Schiefe Frontzähne, Zähne, die „hinter“ der Reihe durchbrechen, schwer zu putzende Stellen. Was hilft? Im Wachstum kann eine herausnehmbare Spange Platz schaffen; die Feinstellung übernimmt die feste Spange. Zähne ziehen ist bei uns die Ausnahme, nicht der Plan. KIG: leichter Engstand KIG 1 (privat), deutlicher Engstand KIG 3 (Kasse).
Bonus-Begriff

Zahndurchbruchsstörungen

Was ist das? Ein bleibender Zahn findet seinen Weg nicht – er bleibt im Kiefer stecken (Retention) oder bricht an falscher Stelle durch (Verlagerung), typisch bei Eckzähnen. Woran merkt man es? Der Milchzahn bleibt auffällig lang stehen, oder auf der anderen Seite ist der bleibende Zahn längst da. Was hilft? Röntgenbild, dann Platz schaffen und den Zahn mit der festen Spange einordnen. KIG: Zahndurchbruchsstörungen sind KIG 4 (Kasse).

Und was heißt das für die Kasse?

Die Fehlstellung allein sagt noch nichts über die Kostenübernahme – das Ausmaß entscheidet. Die gesetzliche Kasse zahlt bei Kindern und Jugendlichen unter 18 ab KIG 3. Beispiele je Stufe:

KIGBehandlungsbedarfBeispieleKasse?
1geringleichter Engstand, geringe Abweichungennein (privat)
2mäßigleichter Überbiss unter 6 mm, leichter Kreuzbissnein (privat)
3ausgeprägtÜberbiss 6–9 mm, Kreuzbiss, deutlicher Engstandja – 80 %, 90 % ab 2. Kind
4starkÜberbiss über 9 mm, offener Biss, Zahndurchbruchsstörungenja
5extremLippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, schwere Skelettanomalienja
Eigenanteil, Rückerstattung, Mehrkosten

Woher kommen Fehlstellungen?

Zwei große Quellen: Vererbung und Gewohnheiten. Kiefergröße und Zahngröße werden unabhängig voneinander vererbt – wer den kleinen Kiefer der Mutter und die großen Zähne des Vaters bekommt, hat Engstand, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Auf der anderen Seite formen Daumen, Schnuller, Zungenpressen und Mundatmung den wachsenden Kiefer über Jahre – und das lässt sich beeinflussen.

Dazu kommen frühe Milchzahnverluste (der Platz für den bleibenden Zahn geht verloren, Nachbarn kippen rein) und seltener Unfälle.

Was daraus folgt: Eine erste Kontrolle mit etwa sechs Jahren, spätestens mit neun, erkennt Kreuzbiss, offenen Biss und Platzprobleme früh genug, um mit einfachen Mitteln zu arbeiten. Und bei den meisten Kindern heißt es danach erst mal: alles im Rahmen, wir sehen uns in einem Jahr.

3D-Illustration eines Zahns im Querschnitt, rosa

Für dich: Was heißt das jetzt?

Egal, welches Wort auf deinem Zettel steht – es ist kein Urteil, sondern eine Beschreibung. Deine Zähne haben sich beim Wachsen einfach einen etwas anderen Weg ausgesucht. Wir zeigen dir am Modell, was gemeint ist, und dann bauen wir gemeinsam einen Plan, wie sie wieder in die Reihe kommen.

Und falls du dich fragst: Nein, du bist nicht der Einzige. Kreuzbiss, Engstand und Überbiss sind die Dauergäste in unserem Behandlungszimmer.

Häufige Fragen

Für Eltern
Ist ein Kreuzbiss beim Kind gefährlich?

Nicht gefährlich, aber behandlungsbedürftig, wenn er ausgeprägt ist: Unbehandelt kann der Unterkiefer schief wachsen. Früh erkannt lässt er sich mit einer herausnehmbaren Spange gut korrigieren – deshalb ist der Kreuzbiss der klassische Grund für eine Frühbehandlung.

Mein Kind hat einen Überbiss – zahlt die Kasse?

Das hängt von den Millimetern ab. Unter 6 mm ist es KIG 2 und damit Privatleistung, 6 bis 9 mm sind KIG 3, über 9 mm KIG 4 – beides Kassenleistung bis 18 Jahre. Wir messen beim ersten Termin und sagen euch die Einstufung direkt.

Muss bei Engstand ein Zahn gezogen werden?

Bei uns ist das die Ausnahme. Im Wachstum lässt sich mit herausnehmbaren Spangen oft genug Platz schaffen, und die feste Spange ordnet die Zähne ein. Ob eine Extraktion nötig ist, entscheiden wir erst nach Röntgenbild und Modell – und besprechen es vorher ausführlich mit euch.

Kann ein offener Biss von allein weggehen?

Wenn die Ursache eine Gewohnheit ist – Daumen, Schnuller, Zunge – und diese früh aufhört, kann sich ein offener Biss im Milchgebiss teilweise zurückbilden. Bleibt die Gewohnheit oder ist der Biss ausgeprägt, braucht es eine Behandlung. Ein Blick beim Kieferorthopäden schafft Klarheit.

Wer legt die KIG-Einstufung fest?

Der behandelnde Kieferorthopäde – bei uns Dr. Stecher – anhand von Messungen am Modell, an Fotos und am Röntgenbild. Die Einstufung wird im Behandlungsplan dokumentiert und von der Krankenkasse geprüft. Wir zeigen euch die Messwerte, damit ihr die Einordnung nachvollziehen könnt.

Für dich
Warum stehen meine Zähne schief, obwohl ich gut putze?

Putzen hält Zähne gesund, aber nicht gerade. Wie viel Platz deine Zähne haben, ist vererbt – wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Du hast nichts falsch gemacht. Und das Gute: Schiefe Zähne kann man geradestellen, das ist genau unser Job.

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